Rachmaninow aus der Nähe

Erinnerungen und kritische Würdigungen von Zeitgenossen

Mit Beiträgen von Alexander Goldenweiser, Nikolai Malko, Nikolai Medtner, Matwej Pressman, Sofia Satina, Marietta Schaginjan, Fjodor F. Schaljapin sowie Alfred und Jekaterina Swan

 

Vorwort des Herausgebers Andreas Wehrmeyer

 

Das vorliegende Buch enthält Erinnerungen an Sergej Rachmaninow durch seine Zeitgenossen. Damit werden sechzig Jahre nach dem Ableben des Komponisten und Pianisten erstmals auch in deutscher Sprache grundlegende Materialien zugänglich, die ein Kennenlernen "aus der Nähe" und dem persönlichen Umfeld erlauben. Die noch zu Rachmaninows Lebzeiten weltweit einsetzende Popularität hat das Interesse an seinem Leben und seiner Persönlich­keit wach­gehalten und bis heute anwachsen lassen. Der damit verbundenen Nach­frage nach verläßlichen Informationen versuchen die hier zusam­­men­­­gestellten Texte zu begegnen.

Jede Nahsicht auf historische Gestalten besitzt Chancen und Risiken. Nicht ohne Grund befürchtet man Befangenheit oder Distanz­losigkeit, die den Blick für Wesentliches trüben könnte. Zudem ist Erinnerung nicht frei von Lücken, subjektiven Einfärbungen oder sogar Verzerrungen. Aber gerade in dieser Beschränktheit des "Authentischen" liegt die Bedeutung zeitgenös­sischer Äußerungen, eröffnen sie doch im Idealfall tiefe Einblicke in Wesen und Werk des Künstlers. Daß dabei die Bedingtheit der Quellen und ihrer Sichtweisen bzw. Urteile zu reflektieren ist, versteht sich von selbst.

Ungeachtet der Verschiedenartigkeit der hier versammelten Texte ergibt sich ein erstaunlich geschlossenes Bild Rachmaninows: eines Künstlers abseits aller Schulen und akademischen Kontroversen, des Privatmenschen, der (fast) nur im Familien- und Freundeskreis auflebte, an seinen melancholischen Stim­mungen litt und wenig Neigungen hatte, sich über seine Kunst und Empfin­dungen mitzuteilen. Eine Äußerung Irina Wolkonskajas, der Tochter Rachmaninows, trifft Wesent­liches: "Vater war nur im Rahmen enger Freunde gesellig, und selbst hier hatte seine Geselligkeit deutlich definierte Grenzen, die er niemals - oder nur höchst selten - überschritt. Diese Grenzen zeigten sich auch in Äußerungen über seine Musik. Das, was er fühlte und ihn bewegte, faßte er selten verbal. Er war allgemein sehr wortkarg. Deshalb hatte er wohl auch eine so große Abneigung gegenüber Inter­views und tat alles, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich erinnere mich noch gut, wie er jemandem in meiner Gegenwart sagte, daß Worte nichts über ihn bedeuteten - alles, was er fühle und ausdrücke, vermittle sich besser, klarer und wahrhaftiger in seiner Musik und in seinem Klavierspiel."[1]

Es gibt indes auch widersprüchliche Erinnerungen und Einschätzungen - wie z. B. in bezug auf den Dirigenten Rachmaninow, den Nikolai Medtner und Nikolai Malko durchaus kontrovers beurteilen. Doch auch solche Spannungen sind aufschlußreich, bieten sie doch Ansatzpunkte für Fragestellungen, ohne daß notwen­dig ein objektives Bild entstehen müßte.   

Das erste Buch mit Erinnerungen an Sergej Rachmaninow erschien wenige Jahre nach seinem Ableben auf Initiative seiner Freunde und Verwandten.[2] Ein umfangreicher Band, der auf dieser Publikation aufbaute, folgte 1957 in der Sowjetunion: die von Sarui Apetjan zusammengestellten Erinnerungen an Sergej Rachmaninow[3], die es mit Ergänzun­gen und Überarbei­tungen auf insgesamt fünf Auflagen brachten. So verdienstvoll die Editionen Sarui Apetjans sind - neben den Erinnerungen besorgte sie auch eine dreibändige Ausgabe mit Briefen und Texten Rachmaninows[4] -, so wenig halten sie kritischer Philologie stand: Viele Texte wurden von der sowjetischen Zensur willkürlich gekürzt bzw. "redigiert". Da dieses auch einige der hier präsentierten Beiträge betrifft, wurde auf solche Eingriffe eigens hingewiesen.

Im weiteren einige Hinweise zu den Texten im einzelnen:

Sofia Satinas "Aufzeichnungen über meinen Schwager und Cousin Sergej Rachmaninow" bieten eine biographische Skizze, die der Rachma­­­ni­n­ow-Forschung dank reicher Detailinformationen bis in die Gegenwart als grundlegende Quelle dient. Es handelt sich freilich weniger um eine ausgearbeitete Biographie denn um eine Lebenschronik, die an den äußeren Daten fortschreitet und sich vor allem auf die Entstehung der Kompositionen und Rachmaninows Konzerttätigkeit konzen­triert. Erste Arbeiten an den "Aufzeichnungen"  gehen in die 1930er Jahre zurück, als Satina auf Bitten ihres Cousins den ersten Rachmaninow-Biographen Richard Holt und Oskar von Riesemann zuarbeitete.[5] Abgeschlossen wurden die "Aufzeichnungen" 1944.

Alexander Goldenweiser, der nicht zum engeren Freundeskreis Rachmaninows gehörte, porträtiert ihn einfühlsam und lebendig vor dem Hintergrund des Moskauer Musiklebens bis zur Oktoberrevolution. Von besonderem Wert sind seine Beschreibungen von Rachmaninows Klavierspiel.

Matwej Pressman kannte Rachmaninow wie kaum jemand sonst "aus der Nähe", hatte er doch mit ihm entscheidende Jugendjahre im streng geführten "Klavierpensionat" von Nikolai Swerjew verbracht. Ausschlußreich ist die Wiederbegeg­nung der beiden inzwischen gereiften Persönlichkeiten im Jahre 1911 unter schwierigen Umständen. Pressman beschreibt Rachmaninow als einen aufrichtigen ernst­haften und kompromißlosen Charakter, der ihm offen und herzlich zugetan ist. Von Interesse ist auch die abschließende Gegen­über­­stel­lung mit Alexander Skrjabin (des gemeinsamen Studienkollegen bei Swerjew).

Mit dem Interpreten Sergej Rachmaninow assoziiert man den Pianisten, weniger den Dirigenten. Nikolai Malko unternimmt es, den Dirigenten der russischen Jahre aufleben zu lassen, wobei er keinen Zweifel daran läßt, daß Rachmaninow das Metier weniger in (dirigier-)technischer Hinsicht denn als heraus­ra­gen­der Musiker beherrschte.  

Zur Schriftstellerin und Dichterin Marietta Schaginjan pflegte Rachmaninow von 1912 bis 1917 eine Beziehung, die bis heute mancherlei Fragen aufwirft. Als Schaginjan in der sowjetischen Zeitschrift Novyj mir [Neue Welt] Nr. 4/ 1943 eine Reihe von Briefen Rachmaninows an sie veröffentlichte, verblüfften hier allerlei offenherzige Selbst­äu­ßerungen des Komponisten, die auf eine Liaison hinzudeuten schienen. Auf jeden Fall handelte es sich um mehr als eine nur nüchterne Arbeitsbeziehung, in der Rachmaninow sich über die Auswahl seiner Liedtexte beriet. Ob und inwieweit die Briefe vollständig publiziert wurden und ob es (noch) entsprechende Gegenbriefe Schaginjans an Rachma­ninow gibt, liegt im Unklaren. Es scheint indes, als hielten die Rachmaninow-Nachkommen Briefe Schaginjans an den Komponi­sten zurück, wie denn überhaupt von Seiten der Familie die Beziehung mit Stillschweigen übergangen wird.

Marietta Schaginjan war bestrebt, Rachmaninow in den Kreis der Familie Medtner hineinzuziehen, einer in Moskau ansässigen baltendeutschen Familie, die eine Art intellektuellen Salon unterhielt, in dem sich regelmäßig junge Moskauer Schriftsteller und Philosophen trafen. Emil Medtner, der Philosoph, und Nikolai Medtner, der Komponist und Pianist, waren der Mittelpunkt dieses Salons und zugleich Freunde und Vertraute der Schaginjan. Aus Schaginjans weitschweifigen Erinnerungen wird hier ein Passus dokumentiert, der in die Zeit enger Kontakte Rachmaninows zu den Medtners fällt (1913). Anders als die kritischen Medtners (insbesondere Emil Medtner) bekennt sich Schaginjan dazu, daß ihr Rachmaninows Glocken op. 35 gefallen.

Nikolai Medtner war ein aufrichtiger Bewunderer Rachmaninows. Kaum ein zeitgenössischer Künstler dürfte seinen ästhetischen Idealen näher gekommen sein als Rachmaninow - und das spiegelt sich auch in seiner Würdigung zu Rachmaninows sechzigstem Geburtstag. Dennoch war das Verhältnis zwischen den beiden schwierig, da stets belastet durch ihre Mentalitäts­unter­schiede. Freimütig bekannte Medtner in späteren Jahren: "... ich kenne Rachmaninow von meiner Jugend an, mein ganzes Leben verfloß neben dem seinen, aber ich habe mich mit keinem so wenig über Musikfragen unterhalten wie mit ihm ..."[6]

Alfred Swan trat erst in der "nachrussischen" Zeit in Rachmaninows Gesichts­kreis, wo er rasch zu einem seiner wenigen neuen (und überdies nicht russischen) Freunde wurde. Als Engländer geboren in St. Petersburg, wo er auch später einige Jahre Komposition studiert hatte, gehörte Swan zu den wenigen westlichen Kennern russischer Musik. Ausgehend von verschiede­nen Treffen mit Rachmaninow und seiner Familie in den 1920er und 30erJahren, zeichnet er ein ebenso anschauliches wie mit anekdotischen Details gesättigtes Bild der Emigra­tions­zeit. Er "zitiert" dabei ausgiebig aus Gesprä­chen mit Rachmaninow und gibt eine Vorstellung von dessen Heimweh nach Rußland und seinen schöpferischen Schwierigkeiten. Swans Erinnerungen zählen zu den ausführ­lichsten und am meisten erhellenden in bezug auf die Emigrationszeit.

Fjodor Schaljapin, der Sohn des berühmten Sängers (und Freundes von Rachma­ninow), gehörte zum engsten Kreis der Rachmaninows und war häufig deren Hausgast. Er erzählt vom Familien­leben der Rach­m­an­inows, vom ganz privaten Umgang mit dem Komponisten und dessen letzten Tagen.

 

Abgerundet wird der Band durch Verzeichnisse der Werke und Aufnahmen Rachmaninows sowie durch eine Kurzbiographie in Stichworten.

Die Kommentare beschränken sich auf knappe Angaben zu den zahlreich genannten und oft wenig bekannten Personen sowie auf Erläuterungen von Ereignissen und Hintergründen, deren Kenntnis das Verständnis der Texte erleichtert. Die Überschriften einzelner Textbeiträge stammen zuweilen vom Herausgeber, die Originalüberschriften sind in den Quellenangaben nach­gewie­sen.


 

[1] Sergei Bertensson und Jay Leyda, Sergei Rachmaninoff. A Lifetime in Music, New York 1956, S. V.

[2] Pamjati S. V. Rachmaninova [Erinnerungen an Sergej Rachmaninow], hrsg. von M. Dobuzhinsky, New York 1946.

[3] Vospominanija o Rachmaninove [Erinnerungen an Rachmaninow], hrsg. von Sarui Apetjan, zwei Bände, Moskau 11957, 21961-62, 31967, 41974, 51988.  

[4] S. Rachmaninov - Literaturnoe nasledie, hrsg. von Sarui Apetjan, Bd. 1-3, Moskau 1978-1980.

[5] Richard Holts Biographie kam über Planungen nicht hinaus, Oskar von Riesemanns Arbeit erschien unter dem Titel Rachmaninoff's Recollections, London 1934. 

[6] Alfred J. Swan, "Das Leben Nikolai Medtners (1880-1951)", in: Musik des Ostens, Bd, 4, Kassel u. a. 1967, S. 81. 

 
 

   

 

 

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