Nikolai Rimsky-Korsakow

Zugänge zu Leben und Werk

Monographien – Schriften – Tagebücher – Verzeichnisse 

Mit Beiträgen aus der Feder des Komponisten sowie von Iwan Lapschin, Iwan Korsuchin, Boris Assafjew, Nikolai Kompanejski, Alexander Ossowski, Wladimir Belski, Maximilian Steinberg, Nadeshda, Andrej und Wladimir Rimsky-Korsakow,

ergänzt durch Originalbeiträge von Andreas Wehrmeyer und Sigrid Neef  

Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Ernst Kuhn

 

VORWORT DES HERAUSGEBERS

Spektakuläre Aufführungen einiger Opern Nikolai Rimsky-Korsakows haben in jüngster Zeit mehrfach das Interesse der internationalen Musiköffentlichkeit auf diesen russischen Komponisten gelenkt. Die Ballett-Oper Mlada, deren verunglückte Uraufführung 1892 den Komponisten in eine schwere Krise gestürzt hatte (einige Musikologen verstiegen sich sogar dazu, diesen Mißerfolg "wissenschaftlich" zu begründen!), erlebte 1989 nach fast einhundert Jahren nicht nur ihre glänzende Rehabilitierung am Moskauer Bolschoi-Theater, sondern präsentierte sich gleichzeitig als eines der Hauptwerke des Komponisten. Die Aufführung der Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesh bei den Bregenzer Festspielen 1995 geriet zu einem Opernereignis von europäischem Rang. Im gleichen Jahr 1995 kam durch die erste Gesamtaufnahme der geistlichen Kompositionen eine bis dahin völlig unbekannte Schaffensdimension Rimsky-Korsakows ins Bild.

Parallel hierzu begann die russische Rimsky-Korsakow-Forschung (hauptsächlich vertreten durch die Arbeiten der Moskauerin Marina Rachmanowa und durch Forscher in St. Petersburg und Jekaterinenburg) mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme, in der auch die alten Mythen der Sowjetzeit ad acta gelegt wurden. Diese neue, offenere Beschäftigung mit Rimsky-Korsakow wird (anders als im Falle Mussorgskys und Tschaikowskys) vermutlich zu weiteren überraschenden Neuentdeckungen führen. Zu wünschen wäre in diesem Zusammenhang eine szenische Erprobung der Oper Servilia, an deren stofflicher Problematik die sowjetischen Kulturbehörden aus naheliegenden Gründen nicht interessiert gewesen sein konnten. Und die Frage wäre zu beantworten, wie es möglich war, daß der Komponist in und außerhalb seiner Heimat bis in die jüngste Zeit fast nur als "folkloristisch-bunt malender Märchenerzähler und Schilderer altrussischer Sitten" (Sigrid Neef) wahrgenommen worden ist.

Im Sog dieser internationalen Rimsky-Korsakow-Renaissance ist auch ein verstärktes Bedürfnis nach Information zu verspüren, welchem das vorliegende Buch Rechnung trägt. Immerhin ist seit 1929, dem Erscheinungsjahr der gründlichen Rimsky-Korsakow-Studie von Nikolai Ferdinand van Gilse van der Pals (Sohn des ehemaligen holländischen Konsuls in St. Petersburg), kein größeres Buch mehr über den Komponisten in deutscher Sprache erschienen. Zwar gab es kurze populäre Darstellungen und entsprechende Abschnitte in Handbüchern und überblickshaften Abrissen, aber sie enthalten viele sachliche Fehler und erstaunen durch voreilige Schlußfolgerungen. Letztere ergaben sich häufig aus gezielten Desinformationen der sowjetischen Kulturpropaganda, aus der Zensur von Briefstellen und aus dem bewußten Verschweigen ganzer Schaffensbereiche - einer Strategie, die auch im Falle Rimsky-Korsakows üblich war, um ideologisch motivierte Konzepte über die "Klassiker der russischen Musik" zu stützen.

Bei der Auswahl der Texte für dieses Buch war der Herausgeber deshalb vor allem um Authentizität bemüht. Berücksichtigung fanden in erster Linie Autoren aus dem Umkreis Rimsky-Korsakows, mit denen der Komponist zeitweilig enge Kontakte hatte. Daß ihre Arbeiten fast völlig vergessen sind (einige dieser russischen Texte sind sogar in Rußland nicht verfügbar!), läßt ihre Edition heute als besonders wichtig erscheinen.

Letzteres betrifft zumal einige auf die Musik bezogenen Arbeiten des Philosophen (Neukantianers) Iwan Lapschin (1870-1952). Als Freund des Hauses Rimsky-Korsakow erwähnt ihn der Komponist sogar in seinen Tagebüchern. Lapschin, zunächst Logik-Dozent an der St. Petersburger Universität, wurde bereits im Alter von 27 Jahren Professor. 1922 gehörte er zu jener Gruppe bürgerlicher Professoren und Wissenschaftler, die auf persönliches Geheiß Lenins aus Sowjetrußland ausgebürgert wurden und das Land verlassen mußten. Lapschin hatte Glück und bekam eine Professorenstelle an der Russischen Universität zu Prag. Seine philosophischen Arbeiten erschienen nun in Prag und Belgrad. Die Übersicht über Rimsky-Korsakow und seine Bedeutung in der Geschichte der russischen Musik erschien 1945 in russischer Sprache als Faksimiledruck des maschinenschriftlichen Manuskripts im noch von Deutschen besetzten Prag, versehen mit dem Aufdruck: "für die Hörer der Russischen Akademie in Prag". Wir danken der Bibliothek der Prager Karls-Universität, die uns eine Kopie dieser Veröffentlichung zur Verfügung stellte. Lapschins Arbeit Philosophische Motive im Schaffen Rimsky-Korsakows (ebenfalls im vorliegenden Band) war noch kurz vor seiner Ausbürgerung 1922 in Petrograd erschienen.

 

Boris Assafjew (1884-1949; sein Pseudonym als Musikwissenschaftler: Igor Glebow) hatte Rimsky-Korsakow 1904 persönlich kennengelernt und bei ihm Unterricht in Instrumentation. Ein von Assafjew angestrebtes Kompositionsstudium bei Rimsky-Korsakow kam aufgrund von dessen Ableben 1908 nicht mehr zustande. Sein Blickwinkel auf das Schaffen Rimsky-Korsakows in seinem Versuch einer Charakteristik (1923 auf russisch in Berlin erschienen) unterscheidet sich erheblich von dem Lapschins und erscheint besonders aufschlußreich in der ungewöhnlichen Bewertung der großen Opern des Meisters.

 

Iwan Korsuchin (1871-1931), Bergbauingenieur und Musikliebhaber, Sohn des namhaften russischen Malers Alexej Korsuchin (1835-1894), gehörte ebenfalls zum engeren Kreis um Rimsky-Korsakow. Von Wassili Jastrebzew, der wie Goethes Eckermann ein fleißiger Chronist gewesen ist und sich bemühte, alles über den Komponisten aufzuschreiben, wird Korsuchin mehrmals in seinen ausführlichen Erinnerungen an Rimsky-Korsakow erwähnt. Korsuchin publizierte auf seinem Fachgebiet und befaßte sich nebenher mit musikhistorischen Studien (über Liszt, Wagner usw.) sowie mit der Renzension musikwissenschaftlicher Bücher. Ab 1923 lebte er in Mexiko. Auf dem Weg dorthin publizierte er 1922 in Berlin als Privatdruck in russischer Sprache seinen Essay Nikolai Rimsky-Korsakow und Richard Wagner. Wie immer man über die hier geäußerten Ansichten denken mag, ihre Bedeutung ist in zweierlei Hinsicht nicht zu bestreiten: sie stammen aus dem unmittelbaren Umfeld Rimsky-Korsakows (sind also sicherlich auch dort diskutiert worden), und sie beleuchten ein Thema, das über die Musikwissenschaft hinaus in interkulturellen Studien noch kaum ausgeschöpft ist.

Einen weiteren und z. T. gänzlich anderen Zugang zu Rimsky-Korsakow offeriert Sigrid Neef in ihrem Beitrag Musik als Teil des klingenden Weltalls - Zu Rimsky-Korsakows Opernschaffen, der speziell für den vorliegenden Band verfaßt worden ist. Die Autorin ist vielen Lesern bereits durch einschlägige Veröffentlichungen als ausgesprochene Rimsky-Korsakow-Kennerin bekannt. Darüber hinaus hat sie als Dramaturgin zahlreiche Aufführungen betreut. Ihre neuen Sichtweisen gründen somit auch unmittelbar auf praktischen Erfahrungen mit den Opern Rimsky-Korsakows.

Der Komponist hatte ziemlich genaue Vorstellungen von der szenischen Umsetzung seiner Bühnenwerke. Um seinen Forderungen an die Regisseure und Opernhäuser Ausdruck zu geben, versah er die Opernpartituren mit ausführlichen Vorworten. Die Beachtung seiner Forderungen kontrollierte er, wenn möglich, persönlich. Für die Opern Kitesh und Der goldene Hahn verfaßte auch sein Librettist Wladimir Belski (1866-1946; ab 1918 außerhalb Rußlands) erhellende Vorworte. Da diese in vielerlei Hinsicht aufschlußreichen Texte heute z. T. schwer zugänglich sind (sie sind auch in Textbüchern und Klavierauszügen nicht immer zu finden), werden sie hier umfassend dokumentiert.

Boris Assafjews Beiträge über Rimsky-Korsakows Klavierlied und über dessen Orchesterwerke sind Assafjews Buch Die Musik in Rußland. Von 1800 bis zur Oktoberrevolution 1917 (deutsch: Berlin 1998) entnommen. Nikolai Kompanejski (1849-1910), selbst Komponist geistlicher Musik, hatte sich für Rimsky-Korsakows Kirchenwerke interessiert und nach dem Ableben des Komponisten deren Bedeutung in einem Beitrag für die Russkaja muzykal'naja gazeta [Russische Musikzeitung] gewürdigt.

Unbeschadet der großen Rimsky-Korsakow-Biographie aus der Feder seines Sohnes Andrej (fünf Lieferungen, Moskau 1933 bis 1946) kann wohl auch heute nicht bestritten werden, daß die bislang wichtigste und beste Biographie vom Komponisten selbst geschrieben worden ist (Titel: Chronik meines musikalischen Lebens). Einzelheiten über die Entstehung dieser Autobiographie sowie über Authentizität und Vollständigkeit der verschiedenen Fassungen findet der Leser im dritten Teil unseres Buches (Beiträge von Nadeshda und Andrej Rimsky-Korsakow sowie Auszüge aus dem Bericht der Redaktionskommission).

Der vierte und sechste Teil bieten dem Leser Informationen und Material zu Rimsky-Korsakows Praktischem Lehrbuch der Harmonie, zu seiner Instrumentationslehre (Grundlagen der Orchestration) und zu seinen musikästhetischen Entwürfen. Letzteren kommt ein besonderes Interesse insoweit zu, als der Komponist sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt hatte. Nachdem er sich die Kompositionstechnik angeeignet hatte, erfaßte ihn (Anfang der 1890er jahre) der Ehrgeiz einer systematischen Darlegung seiner musikästhetischen Prinzipien. Doch Rimsky-Korsakow war mit den Ausarbeitungen unzufrieden und verbrannte im Januar 1894 alles, was er bis dahin an Entwürfen vorliegen hatte. Daß überhaupt Bruchstücke erhalten geblieben sind, ist einzig und allein Wassili Jastrebzew zu verdanken, der sich einiges vom Komponisten ausgeliehen und kopiert hatte.

Rimsky-Korsakow hat in seinen zahlreichen Funktionen (als Musikkritiker, Professor des Konservatoriums und der Hofsängerkapelle, Direktor der Kostenfreien Musikschule, Inspektor der Kaiserlichen Marinekapellen usw.) zahlreiche Artikel, Lehrpläne und Arbeitskonzepte verfaßt. Viele davon sind nicht über das Stadium eines Entwurfes hinaus gediehen. Die wichtigeren dieser Materialien wurden zum ersten Mal 1911 von seiner Frau Nadeshda Rimskaja-Korsakowa herausgegeben. Im siebenten Teil des Buches dokumentieren wir ihre Vorrede zu dieser Ausgabe, die dem Leser eine Vorstellung von diesen Materialien vermittelt.

Der achte Teil ist Rimsky-Korsakow als Person vorbehalten. Von den vielen Briefen aus seiner Feder dürfte inzwischen etwa die Hälfte veröffentlicht worden sein. Aus Platzgründen bringen wir nur einen einzigen, der jedoch wie ein Bekenntnis seine weltanschaulichen Vorstellungen verdeutlicht und die ganze Dimension seiner Persönlichkeit erahnen läßt. Die Tagebücher Rimsky-Korsakows aus den Jahren 1904 und 1907 (mehr ist nicht vorhanden!) erlauben einen Blick auf die unkonventionellen Musikansichten des Komponisten und die Selbstzweifel, die auch den Erfolgreichen noch kurz vor seinem Lebensende quälten.

Der Anhang enthält neben einem ausführlichen Werkverzeichnis und einem Verzeichnis der Schüler des Komponisten auch eine Internationale systematische Auswahlbibliographie. Die Bibliographie kann auf verschiedene Weise gelesen werden. Sie spiegelt nicht nur bestimmte Forschungsschwerpunkte, -entwicklungen und nationale Sichtweisen, sondern läßt auch einige Desiderata deutlich werden. Die Biographie in Stichworten möge der besseren und schnelleren Orientierung dienen.

Wenn nicht ausdrücklich anders vermerkt, stammen die Übersetzungen und Kommentare in diesem Band vom Herausgeber. Die Kommentare beschränken sich im wesentlichen auf Angaben zu den zahlreich genannten und außerhalb Rußlands wenig bekannten Personen sowie auf die Erläuterung von Ereignissen, deren Kenntnis das Verständnis der Texte erleichtert. Die Überschriften der einzelnen Textbeiträge stammen mitunter vom Herausgeber, die Originalüberschriften sind in den Quellenangaben nachgewiesen.

 

Zum Schluß sei allen denen gedankt, die beim Zustandekommen des Buches geholfen haben: Frau Dr. Sigrid Neef (Herstelle) schrieb eigens für dieses Buch einen Beitrag über Rimsky-Korsakows Opernwerk, Herr Dr. Andreas Wehrmeyer (Berlin) förderte das Buchprojekt über die gesamte Zeit seiner Entstehung mit wertvollen und kritischen Hinweisen und steuerte ebenfalls einen Originalbeitrag bei, die Bibliothek der Prager Karls-Universität stellte eine Kopie des nur als maschinenschriftliches Faksimile veröffentlichten Hauptbeitrages von Iwan Lapschin zur Verfügung, Marc Mühlbach (Hannover) gestaltete den Umschlag. Besonderer Dank gebührt Frau Bärbel Bruder (Berlin) für fleißiges Korrekturlesen.

 

Berlin, im Januar 2000

Ernst Kuhn

 

 

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